Die geheimnisvolle Macht des Wassers

Nachdem du zwei große Gläser Wasser trinkst, passiert etwas Außergewöhnliches. Fünf Minuten später ist deine Herzfrequenz gesunken und die Blutgefäße in den Armen und Beinen haben sich verengt, sodass die Blutversorgung des Gehirns verbessert ist und du vor einem Kreislaufkollaps geschützt bist. Wir wissen bis heute nicht, warum das so ist, aber du kannst es selbst testen. Und zwei Gläser Wasser können noch mehr.

Viele kennen das: Man hat wenig geschlafen, zu viel Sonne abbekommen oder einen Kater, oder ist allgemein gerade nicht in bester Verfassung. Dann steht man ruckartig auf und sieht plötzlich Sterne. Und wenn man sich jetzt nicht schnell wieder hinsetzt, kann man kurz das Bewusstsein verlieren und umfallen. Das liegt daran, dass die Blutgefäße in den Beinen noch schlaff sind und nicht schnell genug kontrahieren können, sodass sich so viel Blut darin sammelt, dass zu wenig für den Kopf zur Verfügung steht. Das Gehirn schaltet dann kurzzeitig aufs Notprogramm um, um die Grundversorgung aufrechterhalten zu können. Dieses Phänomen nennt man Synkope.

Tipp: Wenn du verhindern willst, dass dir beim Aufstehen schwarz vor Augen wird, kannst du einfach kurz vorher zwei Gläser Wasser trinken. Dadurch verengen sich die Gefäße in den Extremitäten und es kommt nicht dazu, dass das Blut in die Beine absackt.

Wie genau funktioniert das? Nach dem Trinken von 480 ml Wasser steigt das Hormon Noradrenalin im Blut genauso stark an wie durch den Einfluss von Koffein oder Nikotin. Der Effekt kann bis zu einer Stunde anhalten und erreicht sein Maximum nach ca. 15 bis 30 Minuten. Die Temperatur des Wassers spielt dabei keine große Rolle. Auch 240 ml Wasser erzielen den Effekt, aber dann fällt er kleiner aus.

Die vermehrte Ausschüttung von Noradrenalin müsste eigentlich auch den Blutdruck erhöhen. Und das ist genau der Effekt, den das schnelle Trinken von 500 ml Wasser auf alte Menschen oder Transplantationspatienten hat. Bei allen anderen Menschen jedoch nicht. Damit durch die Gefäßverengung der arterielle Blutdruck nicht steigt, scheint es bei gesunden jungen Menschen einen Herz-Vagus-Kontrollmechanismus zu geben, der dagegen steuert und den Blutdruck trotz 500 ml getrunkenem Wasser auf einem normalen Level hält.

Das Rätsel der Thermogenese

Mit Noradrenalin experimentierte man schon früh wegen seiner stoffwechselsteigernden Wirkung als Mittel gegen Übergewicht, das sich aber als sehr nebenwirkungslastig herausstellte. Wenn aber durch simples und ungefährliches Wassertrinken die körpereigene Bildung von Noradrenalin verstärkt wird, hat das dann einen ähnlichen Effekt auf die Fettverbrennung? Das scheint der Fall zu sein: 500 ml Wassertrinken erhöht die Thermogenese um bis zu 30 Prozent für über eine Stunde und könnte so beim Abnehmen helfen.

Aber jetzt wird es komisch. Eine deutsche Studie kam 2007 zu dem Ergebnis, dass 500 ml getrunkenes Wasser den Stoffwechsel um 24 Prozent ankurbelt, 50 ml normales oder 500 ml gesalzenes Wasser jedoch nicht. Das würde bedeuten, dass unser Körper die Konzentration der gelösten Stoffe im Wasser erkennt und nur die erhöhte Thermogenese einleitet, wenn es sich um reines Wasser handelt.

Eine schweizer Studie aus dem Jahr 2015 widerspricht diesen Ergebnissen jedoch: Der Stoffwechsel erhöhte sich dort nämlich auch bei Studienteilnehmern, die sich das Wasserglas nur an die Lippen führten, ohne einen Tropfen davon zu trinken!

Wie kann das sein? Ein Erklärungsansatz wäre der Tauchreflex.

Info: Der Tauchreflex ist eine uralte autonome Reaktion des Stoffwechsels von Säugetieren auf das Eintauchen in Wasser. Die neurologischen Mechanismen für das Auslösen des Reflexes sind dabei noch nicht ganz bekannt.

Sobald das Gesicht ins Wasser getaucht wird, wird eine Reizweiterleitung von Chemorezeptoren in der Nasenschleimhaut über Gesichtsnerven zum Hirnstamm in Gang gesetzt. Das sympathische Nervensystem reagiert mit einer Verengung der Blutgefäße in den Extremitäten (periphere Vasokonstriktion) und einem verringerten Herzschlag. Möglicherweise können auch andere Rezeptoren im Gesicht den Reflex aktivieren.

Dieses Phänomen lässt sich zur Therapie von Angst und Panikattacken zunutze machen. Nachdem das Gesicht in 10-15°C kaltes Wasser getaucht wird, sind die Symptome gelindert. Wenn das den Effekten des Noradrenalins zuzuschreiben ist, sollte das auch mit dem Trinken oder Scheintrinken von Wasser funktionieren.

Wichtig: Nicht mehr als 750 ml Wasser pro Stunde trinken, sonst kann es zu gefährlichen Elektrolytverschiebungen kommen.


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    Zu diesem Beitrag sind folgende Studien hinterlegt:

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