Mit diesem einfachen Trick könntest du nach Brot riechen anstatt nach Schweiß und Mundgeruch
Ohne dass wir es merken, laufen uns Milchsäurebakterien ständig über den Weg. Sie finden sich nicht nur in Milchprodukten, eingelegter Nahrung und tot in Brot, sondern wir tragen sie eigentlich ständig bei uns, da sie zum natürlichen Darm- und Vaginalmikrobiom gehören und auch auf unserer Haut sitzen. Deshalb werden wir bei der Geburt schon direkt mit einem Film aus Milchsäurebakterien überzogen – von außen wie von innen – und der Bacillus wohnt jetzt hier. Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind, haben daher in den ersten Monaten noch ein Defizit in der Darmflora.
Natürlich gibt es noch eine Vielzahl anderer wichtiger Mikroorganismen auf und in uns. Und auch die Milchsäurebakterien selbst bestehen aus zahlreichen Familien, Gattungen und Arten, sodass man schnell den Überblick verliert. Aber wir wollen uns die nützlichsten zu Nutze machen.
- Lactobacillus casei zum Beispiel kann nicht nur Käse machen, sondern ist auch gut darin, Krankenhauskeime zu verdrängen.
- Lactobacillus plantarum ZJ316 kommt in eingelegten Gurken vor, verdrängt dort schädliche Mikroorganismen und hilft genau den Bakterien beim Gedeihen, die als Freunde unseres Darms gelten.
- Lactobacillus plantarum K50 konnte sich in einer Studie nach zwölfwöchiger Einnahme im Darm etablieren und anscheinend die Blutfettwerte positiv beeinflussen.
- Lactobacillus plantarum K41 wird auch aus eingelegten Gurken isoliert und konnte in der Petrischale und an Rattenzähnen effektiv Kariesbakterien verdrängen.
Die Liste lässt sich noch lange weiterführen, aber wir konzentrieren uns zuerst auf eine alltagsnahe Anwendungsmöglichkeit.
Bakterien gegen Mundgeruch
Für Zahnkaries und Mundgeruch ist das Bakterium Streptococcus mutans hauptverantwortlich. Es gibt viele bekannte Wege, es in Schach zu halten, aber sein Endgegner ist … Lactobacillus!
Die Milchsäurebakterien Lactobacillus curvatus BSF206 und Pediococcus pentosaceus AC1-2 sind Vertreter in fermentierten Lebensmitteln wie Sauerkraut. Beide Stämme sind resistent gegen einen recht niedrigen pH-Wert, Gallensalze, Lysozym und Wasserstoffperoxid. Das sind alles typische Bedingungen, die im Mundraum vorherrschen.
Info: Ein bisschen komplexer ist es schon: Normalerweise findet sich im Speichel, den Atemwegen und der Milch von Säugetieren das Enzym Lactoperoxidase, das mit Hilfe von Wasserstoffperoxid antimikrobielle Oxidationsprodukte umsetzt. Dieses aggressive Lactoperoxidase-System wird von den körpereigenen Enzymen Lactoferrin und Lysozym noch verstärkt, verschont aber ausgerechnet unsere Milchsäurebakterien.
Dazu sind diese beiden Lactobacillus-Stämme auch noch stark hydrophob, wodurch sie nicht so schnell vom Speichel weggespült werden und sich besser an das Zahnfleisch anhaften können, mit dem sie elektrostatische Wechselwirkungen eingehen. Außerdem haften sie dadurch gut aneinander und aggregieren mit sich selbst oder anderen Mikroorganismen. Das hat zur Folge, dass sie den gefürchteten S. mutans leicht überwachsen, sodass er sich nicht weiter ausbreiten kann und in praktisch verpackten Häppchen leichter mechanisch aus dem Mundraum entfernt wird (durch Kauen und Schlucken).
Gut, Lactobacillus vertreibt also Kariesbakterien. Aber kann nicht der Zahnschmelz auch darunter leiden, einer größeren Menge Milchsäurebakterien ausgesetzt zu sein? Schließlich demineralisieren die Kariesbakterien unsere Zähne auch mit Milchsäure! Guter Einwand, aber eine lange Diskussion über dieses Bedenken können wir überspringen, weil wir auch hierzu solide Forschungsergebnisse haben. Chinesische Forscher konnten erfolgreich das Bakterium Lactobacillus plantarum CCFM8724 zur Prävention und Behandlung von Karies bei Ratten einsetzen und haben danach den Zahnschmelz untersucht. Die Milchsäurebakterien-Therapie stellte sich als schonend und sogar effektiver als Chlorhexidin heraus. Chlorhexidin ist die Chemiekeule, die in den wirksamsten Mundspülungen verwendet wird und die der Zahnarzt auf die Zähne lackiert.
Woher bekomme ich Lactobacilli?
- Der naheliegendste Weg wäre es, sich einen Haufen verschiedener Stämme aus dem Internet zu bestellen. Das wäre aber auch der teuerste.
- Preisgünstiger ist es, Gemüse einzulegen. Hier ist jedoch Geduld gefragt. Industriell verarbeitete Produkte sind meist durch Hitze sterilisiert und enthalten keine lebenden Bakterien mehr. Stark gesalzene eingelegte Lebensmittel scheinen außerdem das Magenkrebsrisiko zu erhöhen.
- Joghurt. In gekauftem Joghurt sind in der Regel noch alle Bakterien intakt, weil diese für die Haltbarkeit sorgen. Zwar wird meist wirtschaftlich gedacht und es werden nur die nötigsten Kulturen zugesetzt, aber tatsächlich findet sich eine Reihe von Lactobacillus-Stämmen wie L. acidophilus und L. brevis in vielen als probiotisch vermarkteten Joghurts in der wirksamen Konzentration von 105 KBE/ml. Aber es geht noch günstiger:
- Sauerteig. Fertig ausgereifter Sauerteig enthält 108 KBE/g, also noch mal deutlich mehr als der beste Joghurt.
Sauerteigextrakt
Ja, man könnte auch Mehl und Wasser eine Weile stehenlassen und sich seinen eigenen Sauerteig ansetzen. Aber für etwas mehr als 50 Cent gibt es in der Drogerie einen fertigen Extrakt, der aus ca. 15 g Mehl und den nötigen Starterkulturen besteht. Bei diesen handelt es sich in aller Regel um unsere nützlichen Milchsäurebakterien. Aber Achtung, es sind auch Backextrakte ohne lebende Bakterien im Handel erhältlich. Wichtig ist, dass aus der Zutatenliste hervorgeht, dass vermehrungsfähige Mikroorganismen enthalten sind. Der Eintrag „Starterkulturen“ gibt darüber zum Beispiel Aufschluss. Welche Stämme im Einzelnen verwendet werden, wurde von verschiedenen Herstellern auf meine Nachfrage hin leider als Betriebsgeheimnis erklärt.
Um seinen Mund mit Milchsäurebakterien besiedeln zu lassen, vermischt man einen halben Teelöffel Sauerteigextrakt mit wenig Wasser und gurgelt 30 bis 60 Sekunden lang mit dieser Suspension. Dabei sollte man die Mischung mit der Zunge gut im Mund verteilen und darauf achten, dass sie in alle Zahnzwischenräume gelangt.
Bakterien gegen Schweißgeruch
Wenn Lactobacilli die fauligen Bakterien im Mundraum bekämpfen können, lassen sie sich dann auch zur Behandlung unangenehmen Körpergeruchs anwenden? Auch hier sind wieder bestimmte Bakterien schuld, die körpereigene Fette und Proteine zu potentiell übelriechenden Molekülen verstoffwechseln. Actino- und Corynebakterien sind zum Beispiel übliche Verdächtige. Sie sind in unserer Hautflora allerdings recht gut etabliert, da sie, anders als Karies-Bakterien, normalerweise keinen Schaden anrichten und uns seit Urzeiten bei der olfaktorischen Kommunikation wie der Partnerwahl helfen. Aber vielleicht reicht es ja schon, die alteingesessenen Stinker etwas in ihrem Temperament zu zügeln, indem wir einen weiteren dominanten Mitbewohner unter unseren Armen einziehen lassen, der sich in saurem und salzigem Milieu wohl fühlt und dessen Stoffwechselprodukte etwas angenehmer riechen. Nach Brot zum Beispiel.
In einer kürzlich veröffentlichten Studie konnte Lactobacillus bulgaricus nach einem Monat Behandlung erfolgreich Corynebakterien in den Achselhöhlen von 10 Härtefällen zurückdrängen und deren Achselgeruch verbessern, ohne dabei die Bakterienvielfalt durcheinanderzubringen. Milchsäurebakterien scheinen sogar das Wachstum freundlicher Bakterien wie das anderer Firmicutes zu begünstigen, die ihnen dabei helfen, sich gegen die riechenden Mikroorganismen zu behaupten.
Bakterien zur Wundheilung
Wenn Lactobacilli so gut im Verdrängen fieser Mikroorganismen sind, liegt der Gedanke nahe, sie auch auf Wunden anzuwenden, um bakterielle Infektionen und schlimme Entzündungen zu vermeiden. Und genau das hat man auch schon vermehrt auf die Probe gestellt und kam zu unterschiedlichen Ergebnissen, aber meist wirkten sich Milchsäurebakerien und auch einige andere Mikroorganismen begünstigend auf die Wundheilung aus.
Bevor man jetzt aber wie ich auf die Idee kommt, sich Sauerteigextrakt in jede Wunde zu streuen, sollte man sich im Klaren sein, dass es sich dabei um ein Produkt handelt, das keine medizinischen Standards erfüllt, und dementsprechend vorsichtig sein.
Wie kann das eigentlich sein? Alles Zufall?
Die Lactobacilli scheinen treue Symbionten aller Säugetiere zu sein und auch der Mensch hat sich nicht ohne ihre Unterstützung entwickelt. Schon seit sehr langer Zeit werden Lebensmittel fermentiert und es könnte sein, dass wir uns damit zu einem gewissen Maße abhängig gemacht haben und nun auf eine ständige Zufuhr von Milchsäurebakterien angewiesen sind, um gesund zu bleiben. Denn spätestens der moderne Mensch hat Mechanismen in seinen Alltag integriert, die radikale Kahlschläge in seinen Mikrobiomen verursachen. Dazu gehören Zahnpasta und Mundspülungen, konzentrierter Alkohol und natürlich Antibiotika. Deshalb könnte es zumindest in dieser Hinsicht heute viel wichtiger sein, eingelegtes Gemüse, Joghurt oder Sauerkraut zu essen, als noch vor 1.000 Jahren.
Sind auch abgetötete Bakterien probiotisch?
Der Definition nach zählen nur lebendige Organismen zu den Probiotika. Aber es gibt viele Studien, die aufzeigen, dass auch abgetötete Bakterien positive gesundheitliche Effekte haben können. Diese werden dann „Paraprobiotika“ oder „Postbiotika“ genannt.
Warum genau es zu positiven Effekten durch Paraprobiotika kommt, ist noch gar nicht so gut bekannt. Allerdings spielen dabei wahrscheinlich vor allem Regulierungsprozesse des Immunsystems eine Rolle. Lebende Bakterien als Probiotika gelten als Vermittler zwischen unserem angeborenen und dem adaptiven Immunsystem. So helfen sie unseren Immunzellen, Pathogene zu erkennen, die die Fähigkeit haben, sich innerhalb unserer Zellen zu vermehren. Das haben wir vielen bakteriellen Bestandteilen zu verdanken wie zum Beispiel den Bausteinen der Zellwände. Und ob diese an einer lebenden oder toten Bakterienzelle hängen, ist zumindest für diesen Mechanismus prinzipiell egal.
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